George hat einen Auftritt im Stadttheater Bern, ich bin gerüstet, bereit und willens ihn ebendahin zu begleiten und rechne schon im Voraus berechtigterweise mit einem lustigen Ausflug (was es ja ohnehin immer ist), aber dass diese Geschichte derart viele akkumulierte Zufälle (??) in sich birgt - wer kann das schon erahnen ..

Bereits um 8:30, quasi zu nachtschlafender Zeit stehe ich in Alberschwende, wir sollten ja vor Mittag in Bern sein. Da sind wir nämlich zum Essen verabredet mit Anna, die für den Event im Stadttheater verantwortlich ist. Anna kennt der George schon lange, von früher noch, als Anna in der Ostschweiz lebte und hierzulande Konzerte und Festivals veranstaltete.

Anna hat mir per Elektropost einen spitzenmässigen (dubelisicherä!) Anfahrtsplan geschickt, der uns zielsicher und ohne einen Anflug von Unsicherheit bis in die von Anna beschriebene Tiefgarage ihres Büros bringt.

"Ich zahle Roaminggebühren wie ein A*****och!"

Schon seit Aarau redet George vermehrt Berndütsch, je näher wir unserem Ziel kommen desto dichter und konkreter werden die Erinnerungen Georgs, er hat schliesslich 12 Jahre hier gelebt, erst die Jahre im Internat in Fribourg, dann Handelsschule in Bern, seine erste Blues Band, allerhand Freundinnen und Freunde und seine Clique, die damals so wichtig war für den jungen, kleinen Georg, so fern von zu Hause .. Dauernd fallen Namen wie Pesche (es gab deren 2), Küde, Ursula, Tischhuser, Anliker, einer dieser Freunde habe ihm damals eine Lederjacke geschenkt, eine aus so handtellergrossen Lederflicken, Patchwork, wie das in den achzigern so modern war usw. Mei das sind schöne Erinnerungen an die Jugendzeit. Obs die Bäckerei Anliker im Breitenrain wohl noch gibt? Was wohl aus Emily wurde? Und Manuela? Georges Uhr gibt den Geist auf.

"Kennen Sie die Bäckerei Anliker im Breitsch?"

Wir sind untergebracht im ehrwürdigen und geschichtsträchtigen Hotel National, zentral gelegen und nur einen Katzensprung entfernt von Annas Büro, da gehen wir auch mit Anna zum Essen hin. Da staun ich aber, als ich feststelle, dass ich Anna auch schon lange kenne, und zwar von einem Gig der legendären Twist Of Fate am "Rock am Bach Festival" in Walenstadt, muss so um 1995/96 gewesen sein. Kann mich aber sehr gut erinnern, weil da eine Liebesgeschichte begonnen hatte - nicht für mich, sondern fürn Heli - (Roswitha, na klingelts, Heli?) das Glück währte dann aber nur einen Sommer lang .. wenn überhaupt (c:

Die Twister waren damals bei Anna zum Z'nacht eingeladen in ihrer damaliger Wohnung mit der tollen Ausicht in Berschis. Da trifft man sich bald 20 Jahre später in Bern wieder .. So ein Zufall aber auch (??)

Wir reden und lachen über die alten Zeiten, eines ergibt das andere und schon gleich ist es Zeit um ins Stadttheater aufzubrechen und aufzubauen.




Ehrwürdige Hallen und flotte, tatkräfige Mädels erwarten uns dort, die uns helfen das Zeug reinzuschleppen - RuckZuck ist aufgebaut und soundgecheckt und schon gehts los, die Veranstaltung ist ungewöhnlich früh angesetzt, was bedeutet, dass George und ich danach noch etwas Abend-Freizeit haben und wir nehmen uns vor nächtens die Stadt etwas zu erkunden. Kurz kommt George auf die Idee nach Fribourg ins Restaurant Richelieu zu fahren, aber wir lassen das doch lieber, ist schliesslich schon 30 Jahre her. Wer weiss denn schon ob es das alles überhaupt noch gibt?







Das Konzert, resp. der musikalische Vortrag Georges über Licht und Wahrnehmung ist recht kurzweilig und äusserst unterhaltsam aber schon bald beendet, es folgt noch etwas offizielles Programm und Apero mit Buffett. Ich bin derweil fleissig und bau ab und pack den Kram zusammen.

Gegen 20:30 sind wir wieder im Hotel National, wo wir nochmal was essen mit Anna. Wir reflektieren über die alten Zeiten, ich freue mich, wenn ich sehe wie George den Abend geniesst und unsere charmante Tischdame teilt den gleichen Faible für lustige Geschichten und für Dialekte aller Art und wir unterhalten uns köstlich. Der Kellner kannte zwar die Bäckerei Anliker im Breitenrain, aber die gibts schon lang nicht mehr ..

Anna muss aber bald heim, Zeit für George und mich, endlich unsere Zimmer zu beziehen, mehr als die Tasche reinwerfen ist aber eh nicht. Die Rezeptionistin gibt uns Codes fürs WLAN, unsere Thinkpads loggen aber auch ohne ein, sie kennt die Bäckerei Anliker nicht, aber findet gleich eine in Ostermundigen! Die kanns aber nicht sein, weil das ist eine Kollegin des Schwagers ihres Bruders und die haben die Bäckerei übernommen, heissen aber selber ganz anders... wie auch Kinderbetter eigentlich Betterkinden heisst. Item!

Mittlerweile schneits heftig und wir beschliessen kurzerhand die geplante nächtliche Expedition durch Bern aufgrund widriger Witterungsverhältnisse abzusagen und gemütlich den Abend im Restaurant National ausklingen zu lassen, da ist es warm und auch gemütlich und die kennen uns da schon. Wir betreten also wieder die Gaststube und suchen uns einen freien Tisch, bestellen uns ein Bier.

"Trittst im Morgenrot daher .." Wiedersehen nach 30 Jahren

Ein Mann sitzt in Begleitung zweier Damen an einem Tisch und beobachtet uns - wie ich bemerke, beim Hereinkommen aufmerksam - tritt dann kurz darauf an unseren Tisch heran. Ich denk mir gleich, das ist ein George-Fan, hat ihn beim Eurovisions Song Contest gesehen, oder aus dem TV oder so - nichts ungewöhnliches .. Sagt der in feinstem bärndütsch: "Excusé, iich chenne dich! Isch scho lang här - iich bis, de Pesche, de Pesche Schuler!" (!!)




Unfassbar! Genau der Pesche aus der Vergangenheit, von dem George die ganze Zeit erzählt, die unvergessene Lederjacke! Und ZACK! Da steht er vor uns, leibhaftig, der Pesche! Ein ungewöhnliches Wiedersehen nach 30 Jahren. Einfach so.. man glaubt es kaum. Weil auch die Location hier im National - reinster Zufall! Pesche war seit Jahren nicht mehr hier drin, nur weil sein Kochkurs ausgefallen ist hat er mit zwei Freundinnen hier abgemacht. Ist doch nicht normal sowas, oder?





Jetzt wirds lustig, noch mehr alte Geschichten, noch mehr Anekdoten, man kann sich austauschen, schad ist der Tischhuser nicht da! Na der wird aber schauen, wenn ihm der Pesche berichtet, wen er da zufälling im National getroffen hat! Der Kellner kommt und will uns rausschmeissen weil Sperrstunde. Kurz wird überlegt, wohin man ausweichen könnte, infolge Schneetreibens und Abdullah Güls Besuch im offiziellen Bundes-Bern sind die Wartezeiten für Taxis ausserordentlich lang und Pesche meint, bis zu seiner Wohnung sind es nur 10 Minuten. Wir marschieren also los. So kalt ist es nicht, es geht ja aufwärts.

Angekommen in Pesches Haus gibts viel zu bestaunen. Pesche ist heute Inhaber eines Glasereibetriebs und lebt in einem wunderschönen Fachwerkhaus mitten in seiner eigenen Parkanlage (Statuen, Teich, Wasserspiele per Knopfdruck auf Fernbedienung inklusive) z'mittst in der Stadt. Die Zeit vergeht wie im Flug und ich mahne zum Aufbruch, Pesche, Susan und Bettina müssen ja wohl wieder arbeiten heute früh, wir vereinbaren, dass wir jedenfalls noch rasch vorbeikommen bevor wir abreisen. George möchte ihm wenigstens eine CD dalassen, ich komm aber leider nicht mehr an den CD-Koffer im Auto, weil die Garage in der Monbijouestrasse (!!) schon zugesperrt hat. Wir kommen auch bald drauf, dass einer von Pesches Freunden, der im (Stadt)Theater spielt, das Stück vom Stefan Vögel (!!) hat bald Premiere. Jetzt langts dann doch bald mit den Zufällen und Überschneidungen?

Na super! Als wir uns von Pesche verabschieden liegt noch viel mehr Schnee draussen und auf meiner Brille und ich verlaufe mich mit George im dunklen Bern prompt im Schneegestöber und tappe im Ungewissen und der Orientierungslosigkeit hinter der Uni und Bahnhof herum, aber plötzlich sind Taxis wieder zahlreich vorhanden und fahren schon abwinkbereit im Schritttempo an uns vorbei. Da nehmen wir uns doch eines und ein uns freundlich gesinnter Ägypter führt uns durch die kalte und stürmische Nacht die letzten 300 m zurück ins Hotel .. sicher ist sicher.



Nach einer recht kurzen Nacht, dem Frühstück und Checkout aus dem National schauen wir noch rasch einen Sprung in Annas Büro vorbei, bringen Gipfeli fürs Team mit und Anna staunt nicht schlecht, als George vom Treffen mit dem Pesche erzählt ..

Wie in jeder grösseren Stadt gibts in Bern einen Haufen Einbahnstrassen und dementsprechend viele Fahrverbote, dass die meisten Verkehrsschilder zugeschneit sind, machts auch nicht einfacher und ich verirre mich hier mal auf eine Busspur, biege dort falsch ab, da bemerke ich schon die Polizei im Rückspiegel. Wir werden verfolgt! Mit Stadtplan in der Hand kann ich mich nur anhand der Brücken über die Aare orientieren, plötzlich fahre ich wieder beim Stadttheater vorbei und dort vermeintlich in die richtige Richtung, da schreitet dann die Kantonspolizei ein!
STOP! POLIZEI

Anfangs etwas verärgert, bessert sich die Laune des Polizeiwachtmeisters nach Prüfung meiner Fahrerlaubnis und Identität aber rasch, all meine Verfehlungen sind verziehen und die Kantonspolizei Bern sorgt dafür, dass wir in kürzester Zeit akkurat unser Ziel in der Zährigerstrasse erreichen und die Kantonspolizei in wohlwollender Erinnerung behalten. Auf einen schnellen Kaffee schauen wir also nochmals in Pesches Glaserei vorbei und machen uns dann auf den Weg nach Hause. Fazit: Sogar eine Anhaltung der Polizei hat was Angenehmes in Bern!

George und ich wundern uns auf dem Weg nach Hause noch lange, wie es sowas geben kann. Die Welt ist ein Dorf. Ich hoffe schwer, dass ich da mit von der Partie bin, wenn er mit dem Tischhuser, der Emily, der Manuela und dem Pesche (welcher übrigens mit dem Frl. Anliker in die Schule gegangen ist) und all den anderen ein Jahrgängertreffen der anderen Art ausmacht!
Ausserdem werde ich wohl mal im Sommer mit meiner Nachkommenschaft nach Bern reisen, das will ich mir doch mal etwas genauer anschauen! Jetzt lebe ich 20 Jahre in der Schweiz und hab noch nicht gecheckt, wie extrem lässig Bern ist. Ich hab da Nachholbedarf! Fix!